Der Urknall tele-immersiver Cyberkunst: Die Arbeiten von Sherrie Rabinowitz & Kit Galloway
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Lecture von Kit Galloway & Streams: "Satellite Arts Project" (1977), "Hole in Space" (1980) & "Electronic Café" (1984).

USA, Deutschland 2022

Regie: Sherrie Rabinowitz, Kit Galloway

Video VoD / live

Der Urknall tele-immersiver Cyberkunst: Die Arbeiten von Sherrie Rabinowitz & Kit Galloway


Am 25. Januar 2022 wurde mit der Vorstellung der bahnbrechenden Arbeiten der Medienkünstler Sherrie Rabinowitz & Kit Galloway die Reihe PERFORMING INTERNET ODER: WIE DAS THEATER INS NETZ KAM eröffnet.

In einer Lecture hat KIT GALLOWAY selbst mit vielem Originalmaterial einen komplexen Überblick über die Arbeit gegeben, die seit der Mitte der 1970er Jahre gemeinsam mit Sherrie Rabinowitz entstand. Im Zentrum stehen die Arbeiten "Satellite Arts Project" (1977), "Hole in Space" (1980) und "Electronic Café" (1984). Martina Leeker führt in das Werk von Rabinowitz & Galloway ein, Esther Slevogt stellt die gesamte Reihe vor. Einführung und Lecture sind weiterhin abrufbar. Ebenso Dokumentationen der bahnbrechenden arbeiten.

SHERRIE RABINOWITZ & KIT GALLOWAY

Berlin, im Januar 2022. An einem Novemberabend im Jahr 1980 konnten unvorbereitete Passanten, die in New York am Lincoln Center for the Performing Arts und in Los Angeles in einer Shopping Mall am Kaufhaus "The Broadway" vorbeikamen, eine erstaunliche Entdeckung machen. Plötzlich erschienen in den Schaufenstern lebensgroß bewegte Bilder von Menschen, die sich im gleichen Moment an der jeweils gegenüberliegenden Küste der USA befanden. Bald realisierten die Leute, dass sie sich "coast to coast" nicht nur sehen, sondern auch hören und miteinander sprechen konnten, als ob sie sich am gleichen Ort befänden. So etwas hatte es bisher noch nicht gegeben. Es war die Zeit, in der sogenannte "Ferngespräche" per Telefon ein kostspielige und nicht ohne weiteres verfügbare Angelegenheit waren. Diese Übertragung hier nun überwand eine Distanz von 3000 Kilometern und ermöglichte mit Hilfe einer Satellitenübertragung eine Livebegegnung: so, als begegne man sich auf dem gleichen Bürgersteig.

Es war eine unerhörte Premiere, die die beiden visionären jungen Medienkünstler Sherrie Rabinowitz (*1950) und Kit Galloway (*1948) hier mit dieser virtuellen Versammlung geschaffen hatten, die sie eine "Öffentlichen Kommunikationsskulptur" nannten und deren Sensation wir uns in unserer heutigen, total vernetzen Welt mit ihrer allgegenwärtigen Kommunikation und Datenzugänglichkeit kaum noch vorstellen können. Ein Ereignis, das in der Geschichte der Medien vergleichbar ist mit der ersten Filmvorführung der Gebrüder Lumière: als sie 1895 die ersten bewegten Bilder eines in einen Bahnhof einfahrenden Zuges vorführten. Selbst in der heutigen Zeit mit ihren Smartphones, Videocalls und Virtual-Reality-Headsets, konnten nur wenige je Freunden oder Familienmitgliedern lebensgroß begegnen, während sie sich auf der anderen Seite der Welt befanden.

Die halbstündige Dokumentation der drei Tage im November 1980, an denen "Hole in Space" in New York und Los Angeles stattfand, läßt die Sensation noch einmal sehr plastisch werden, die diese Erfahrung für diejenigen bedeutete, die sie damals machten.

Am ersten Tag ist es ein vorsichtiges Erkennen dieses völlig neuartigen Livekanals. Die Vorübergehenden entdeckten, dass die Bilder der Leute, die auf der anderen Seite der Schaufenster erschienen, nicht aufgezeichnet waren, sondern die Menschen tatsächlich live und kopräsent dort über eine Distanz von mehreren tausend Kilometern in Erscheinung traten. Am zweiten Tag hatte sich die Nachricht durch Mund-zu-Mund-Propaganda schnell verbreitet und auch die Massenmedien erreicht. Die Leute begannen, sich per Telefon in den "magischen Schaufenstern" zu verabreden. An Tag drei kam es zu geplanten Begegnungen von Menschen vor den Schaufenstern, die sich zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatten.

Es war nicht das erste Mal, dass Sherrie Rabinowitz und Kit Galloway (S&K) sich konventionelle Medien kreativ angeeignet hatten, um mit ihrer Hilfe Raum und Zeit zu überwinden. Mit ihrem "Satellite Arts Project" hatten sie 1977 zum ersten Mal verschiedene Künstler:innen aus verschiedenen Teilen der USA und der Welt über Satellit zusammengebracht, indem sie ihre Bilder und Stimmen zu einem einzigen "Live"-Videobild kombinierten, so dass sich alle im selben virtuellen Bildraum wiederfanden und in der Lage waren, dort gemeinsam zu performen, zu singen, zu tanzen und auf diesem Weg eine neue Art von Weltchoreographie zu erfinden - in etwas, das Rabinowitz und Galloway "Das Bild als Ort" ("image as place") nannten und damit zum ersten Mal das Bild als Versammlungsort möglich machten.

Die damals noch unerschwingliche und für die meisten Menschen völlig unzugängliche Technologie hatte die US-Weltraumbehörde NASA (National Aeronautics and Space Administration) zur Verfügung gestellt. Rabinowitz und Galloway hatten sich auf eine öffentliche Ausschreibung zur zivilen / künstlerischen Nutzung dieser Technologie beworben. Nam June Paik hat das Verfahren sieben Jahre später unter anderem für Arbeiten mit Merce Cunningham adaptiert und wurde weltberühmt damit. "Wir wollten keine Artefakte fürs Museum oder den Kunstmarkt produzieren", sagt Kit Galloway heute. "Unser Ansatz war gesellschaftspolitisch. Sherrie und ich, wir haben uns gefragt: gibt es noch etwas jenseits von Kunst? Denn genau das wollten wir machen."

"Wenn die Künste überhaupt noch eine Rolle bei der Gestaltung und Zivilisierung der gerade aufkommenden Technologien spielen wollen, müssen Einzelne wie künstlerische Gruppen damit beginnen, Kreativität in einem viel umfassenderen Sinn zu verstehen", formulierten S&K ihr Anliegen 1984 in einem Manifest. "Wir müssen anfangen, in demselben Maße Neues zu erschaffen, wie wir Altes zerstören. Denn sonst wird die Kunst, was noch schlimmer und gefährlicher ist, künftig nur noch dekorativ und ohnmächtig sein." (Esther Slevogt)



Kit Galloway über die Arbeit von S&K:

In den frühen 1970er Jahren entstanden das Internet und Rechnersysteme zur Datenübertragung, die noch bis in die 1990er Jahre hinein ausschließlich textbasiert waren. Ebenfalls in den frühen 1970er Jahren kam die Videokunst auf, aber auch der gesellschaftspolitische "Videoaktivismus". Sherrie Rabinowitz war damals Mitglied der Videogruppe "Optic Nerve" in San Francisco. Kit Galloway gehörte zu der Amsterdamer/Pariser Video- und Multimediatheatergruppe "VideoHeads". Galloway & Rabinowitz (S&K) waren keine Videokünstler, sondern interessierten sich wie viele andere für das noch unausgeschöpfte Potenzial eines "inklusiveren" multimedialen und revolutionären globalen, vernetzten Telekollaborationskontextes, der der langen Geschichte der Zentralisierung der Massenmedien in den Händen weniger Mächtiger etwas entgegensetzen wollte. Sherrie Rabinowitz ließ in diesem Kontext Pam Hardt in einem Videointerview darüber sprechen, wie sie gemeinsam mit unserem Freund Lee Felsenstein 1972 in San Francisco und Berkeley das "erste öffentliche Computernetzwerk", das sogenannte "Community Memory" aufgebaut hatte.

Das Interesse von S&K war damals, Kunst und Industrie einen Schritt voraus zu sein. Sie wollten sich die Technologien ihrer Zeit kreativ mit dem Ziel aneignen, auf die Krise der Imagination aufmerksam zumachen, die für sie aus der Art und Weise resultierte, wie die Menschen den Massenmedien verfallen waren. Die Menschen schienen versessen darauf zu sein, Teil der massenmedialen Unterhaltungsindustrie zu werden, sich von dieser Industrie als Individuen absorbieren zu lassen, um etwas zu werden, das die Franzosen "Tele-spectators" nennen. S&K wollten nicht jahrzehntelang warten, um am Ende lediglich Endnutzer dessen sein zu können, was die Massenmedien produzierten. Stattdessen interessierten sie sich für die "neuen Möglichkeiten, in der Welt zu sein", die diese Technologien ja ebenfalls boten. Deshalb arbeiteten S&K daran, die Technologien ihrer Zeit kreativ in die bestehenden Systeme zu integrieren, um die gesellschaftspolitischen Potenziale bestmöglichst ebenso zu erfassen, wie auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die von deren zentralisierten Besitz durch Konzerne ausgingen. Diese Intentionen führten zur Her- und Bereitstellung von multimedialen tele-immersiven Umgebungen und tele-kollaborativen Netzwerken, die sich ausschließlich auf den zwischenmenschlichen Austausch konzentrierten und in der Hand der Nutzenden lag.

Während ihres multimedialen und kulturübergreifenden Netzwerkprojekts (koreanisch, lateinamerikanisch, Schwarz und eklektisch) "Electronic Cafe", das 1984 im Rahmen des Olympic Arts Festivals in Los Angeles stattfand, wandten sich S&K an alte Bekannte von "Community Memory", die ihnen halfen, eigenständige Geräte wie Videotransmitter und "Shared-Screen"-Schreib- und Zeichentablets zu bauen - und sie mittels Ausstattung mit einem Computernetzwerk und einer durchsuchbaren Datenbank "systemintegriert und interoperabel" zu machen. Damit wurde zum ersten Mal ein öffentliches/soziales Netzwerk mit einer "stichwortdurchsuchbaren Bilddatenbank" geschaffen. Öffentlichkeit und Künstler:innen konnten ihre Zeichnungen, Videofotos und "mit Anmerkungen versehenen Videobilder" herunterladen! Auf diese Weise hatte ein multimediales soziales Computernetz die Tastatur als einzigen Zugang zum Cyberspace hinter sich gelassen und wurde für eine weitaus größere Zahl von Kreativen zugänglich. Dies gab auch einen Ausblick auf das World Wide Web, das erst zehn Jahre später entstehen sollte.

>Projekte (Auswahl)
1977: "Satellite Arts Project": Die erste bildschirmfüllende, gemeinsam genutzte, virtuelle Umgebung mit Tele-Immersion: der "SPUTNIK"-Moment der tele-immersiven Cyberkunst.

1980: "Hole in Space": Die erste televirtuelle soziale Gemeinschaft.

1982: "ART-COM": Loyola Marymount University, LA, CA. Das erste tele-immersive Labor.

1984: "Electronic Cafe Network": Das erste systemintegrierte und interoperable soziale Multimedia-Computernetzwerk. S&K verstanden ihr Electronic Cafe Network im Rahmen des "Olympics Arts Festival" während der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 als Gegenentwurf zu George Orwells brillanter wie hellsichtiger Dystopie "1984".

1989-2000: "Electronic Cafe International Network": Koproduzierte mehrere hundert multimediale und "über den Stand der Technik hinausgehende" Veranstaltungen mit Freund:innen und Mitarbeiter:innen in der ganzen Welt - wie etwa eine jährliche Silvester-"Around-the-World-Telebration".


>Freunde und Stipendien
Zu den engen Freunden von S&K gehören: Nam June Paik, Felix Guattari, Frank Malina, Christo und Jeanne-Claude, Tim Leary, der Mathematiker Ralph H. Abraham, Michael Rossman (Berkeley FSM), Lee Felsenstein, John Thomas Draper (Captain Crunch), Jacques Vallée - erstes ARPANET, David Liddle (Xerox PARC GUI), der Kybernetiker Heinz Von Foerster machte S&K mit Gene Youngblood bekannt, der in den späten 1980er Jahren für vier Jahre ihr Mitbewohner wurde.

S&K wurden 1999 Guggenheim-Stipendiaten. Das Werk "Hole in Space" befindet sich im Museum of Modern Art, NYC.

Sherrie Rabinowitz starb 2013 nach einer langen Multiple-Sklerose-Erkrankung. Kit Galloway zog auf die Pferderanch eines Freundes in der Hochwüste von Mojave.

>Zugang / Archivierung
Eingeschränkter Zugang zur archivierten Website "Electronic Cafe International": ecafe.com

Eine Online-Dauer-Ausstellung der Arbeiten von S&K aus der Zeit vor "Electronic Cafe International" (1988-2000) wird unter der Überschrift "Mobile Image" auf der New Yorker Plattform für Medienkunst RHIZOME gezeigt: anthology.rhizome.org/mobile-i... Hier ist auch das Manifest von 1984 vollständig zu lesen.

Das Archiv von Rabinowitz & Galloway wird derzeit an die Stanford University übertragen.


>Fotos:
"Hole in Space" | Collage Los Angeles/New York City, 1980
"Hole in Space", New York City 1980
Timothy Leary mit Sherrie Rabinowitz und Kit Galloway im "Electronic Café", Los Angeles 1984
Sherrie Rabinowitz und Kit Galloway um 2001, Collage mit Stills und Zeichnungen aus ihren Projekten

Alle Rechte: The Rabinowitz & Galloway Archives


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Diese Veranstaltung ist der Pilot zu einer Reihe zu Geschichte und Gegenwart von Theater und Liveness im Internet: PERFORMING INTERNET ODER: WIE DAS THEATER INS NETZ KAM
Kuratiert von Martina Leeker und Esther Slevogt.

Partner / Team